Deutscher Verlagspreis | Stellungnahme 2


16.10.2019

Deutscher Verlagspreis 2019, die Expertise und die „Büchse der Pandora“

Die Veröffentlichung der Gewinner des Deutschen Verlagspreises und die darauf folgenden Fragen, die Smart & Nett zur formalen Abwicklung sowie zu wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Jurymitglieder gegenüber den preistragenden Verlagen gestellt haben, wirbeln mächtig Staub in der Branche auf. Kann die Preisverleihung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse am 18. Oktober wie geplant stattfinden?

Reichlich Staub und Feedback gab es, obgleich noch gar keine Namen und Details genannt wurden. Smart & Nett möchten nun Stellung beziehen, denn weder aus den Reihen des Bundesministeriums, der Jury noch aus denen der Partnerorganisationen des Deutschen Verlagspreises (Kurt Wolff Stiftung, Börsenverein des Deutschen Buchhandels) erfolgten entsprechende Rückfragen oder gar die erwarteten Offenlegungen. Doch der Reihe nach:

Am 23. September informierte Smart & Nett die Presse quer durch Deutschland über gravierende Pannen beim Deutschen Verlagspreis und sauber recherchierte Verstrickungen der Jurymitglieder mit den Preisträgern [zum Beitrag]. Auch wenn der steuerzahlende Bürger sicher interessiert gewesen wäre: das Thema wurde totgeschwiegen. Das ist für das Ministerium, die Vorsitzenden der beteiligten „Partner“ oder den Chefredakteur des Börsenblattes vielleicht auch die bessere Entscheidung. Zu eindeutig die Faktenlage.

Anders die Sozialen Medien: Hier fand die Pressemitteilung reichlich Echo. Ein bisschen kontrovers, doch eher auf Seiten der „ahnungslosen Verschwörer“, wie schließlich kein geringerer als der Chefredakteur des Deutschen Börsenblattes Smart & Nett betitelte. Leider hatte es Thorsten Casimir versäumt, ein wenig den Fakten nachzugehen, bevor er sich seinen Ärger von der Seele schrieb [zum Beitrag]. Nachdem sein Rundumschlag auch pauschal den Kleinverlag als solchen in Misskredit brachte, zog er sich gleich einen hübschen Shitstorm zu. Doch das bleibt ein Nebenschauplatz. Eigentlich hätte er nur mal ein paar Minuten Google bemühen oder sich die nachfolgenden Informationen schicken lassen brauchen:

Hier exemplarisch ausgewählte Fakten zur Preisvergabe:

  • Mindestens 5 von 7 Jurymitgliedern stehen in wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu Preisträgern. Teils festangestellt in verantwortlicher Position, teils mit früheren und sogar aktuellen Werken (September 2019) als Autor oder Übersetzer. Allein 3 Jurymitglieder haben direkte Verbindungen zu EINEM preistragenden Verlag.
  • Entgegen einer Stellungnahme der Behörde der Kulturbeauftragen, die da lautet „Weder am Bewerbungsverfahren noch an der Jurysitzung oder anderen mit der Preisvergabe in Zusammenhang stehenden Vorgängen sei die Kurt Wolff Stiftung (KWS) beteiligt gewesen“ ist nach kurzer Recherche im Netz zu finden:
  1. Der leitende Verantwortliche für die Durchführung des Verlagspreises sitzt im Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung.
  2. Die Teilnahmebedingungen für den Verlagspreis sind fast identisch mit den Aufnahmebedingungen in die  KWS.
  3. Nur etwa 5-6 Prozent kleiner unabhängiger Verlage sind Mitglieder in der KWS. Der Anteil der Preisträger beträgt aber weit über 50 Prozent.Alle 3 Vorstandsvorsitzenden der KWS gehören mit ihren Verlagen zu den Preisträgern.
  • Die neue Vorsteherin des Börsenvereins ist Verlegerin des Verlag Hermann Schmidt, der ebenfalls zu den Preisträgern gehört.
  • Das Bundesministerium gibt in einer Stellungnahme an den Buchreport bekannt, dass man sich selbst vorsätzlich nicht an die eigenen Teilnahmevoraussetzungen gehalten habe. Dies geschah, nachdem offenkundig war, dass einige Preisträger nicht hätten teilnehmen dürfen.
  • Während des Bewerbungsverfahrens kam es zu gravierenden Datenschutzverstößen seitens des BKM , die aktuell vom Bundesdatenschutzbeauftragten untersucht werden. Eine Stellungnahme seitens des Ministeriums steht aktuell noch aus. Über 300 Verlage haben im Bewerbungsverfahren sensible Firmendaten preisgegeben.
  • Keine der verantwortlichen Stellen war bislang zu einer Stellungnahme bereit. Fragen und Mails blieben ausnahmslos unbeantwortet.

Weitere Fakten und Quellennachweise  gern auf Anfrage.

Sowohl Thorsten Casimir als auch das Ministerium für Kultur und Medien verteidigen die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Juroren mit den Preisträgern mit der notwendigen Expertise. Offenbar fand sich kein Kundiger sonst für die Jury, der gleichzeitig unabhängig und versiert in Verlagsfragen sein Urteil hätte fällen können. Von der Agenda 21 gar nicht zu reden, sie bleibt nur schmückendes Beiwerk der Ausschreibung. Einhelliger Tenor der Besitzstandswahrer generell: Hauptsache das Ministerium hat ein Milliönchen für die Verlagsbranche locker gemacht.

Smart & Nett hätten sich klare und öffentliche Positionen der Verantwortlichen gewünscht. Aber vielleicht behält Thorsten Casimir recht: Die Ahnungslosen wissen einfach nicht, dass es ganz normal ist, dass in Berlin Steuergelder auf diese Weise in die Wirtschaft geleitet werden. Dass es nicht  primär um die Erfüllung von Ausschreibungskriterien geht, sondern tatsächlich doch um die einflussreichsten Positionen der Lobbyisten. Danke, Smart & Nett wissen das jetzt! Alle anderen dürfen sich selbst ein Bild machen.

Zur Stellungnahme 1

Mehr Infos zum Smart & Nett Verlag

https://youtu.be/fonKjxjAAl8